Die Fraukirch / Thür
Lage, Ursprung und die Genoveva-Legende
Wie eine Insel liegt die Fraukirch einsam in den weit geschwungenen Fluren der Pellenzsenke in der Gemarkung Thür. Sie ist eine der ältesten Kirchen des Rheinlands, denn insgesamt kann die Fraukirch auf eine mehr als 1200jährige Kirchentradition zurückblicken. Baugeschichtliche und archäologische Untersuchungen haben nämlich ergeben, dass die heutige Kirche auf den Fundamenten einer karolingischen Saalkirche aus dem 8. Jahrhundert steht. Die Genoveva-Legende als Gründungslegende der Kirche verbindet die Errichtung dieser karolingischen Saalkirche mit der Geschichte des Pfalzgrafen Siegfried und seiner Gemahlin Genoveva sowie seines ungetreuen Hofmarschalls Golo. Damals, so wird es in der Legende dargestellt, habe Pfalzgraf Siegfried an dieser Stelle seine Gattin Genoveva wiedergefunden, nachdem sie wegen einer falschen Anklage mit ihrem Sohn 6 Jahre und 3 Monate in der Wildnis gelebt habe.
Historische Belege für die Legende gibt es aber nicht. Niedergeschrieben wurde sie im 15. Jahrhundert von mehreren Autoren und in verschiedenen Fassungen, wohl in der Absicht, die Fraukirch als eine pfalzgräfliche Gründung nachzuweisen und sie als einen Ort darzustellen,
an dem Wunder geschehen sind.
Tatsächlich weisen die zeitlichen Umstände eher darauf hin, dass die Fraukirch im Rahmen der weiteren Christianisierung des Rheinlands erbaut wurde. Die Kirche könnte von Personen der christlichen Oberschicht zur öffentlichen Demonstration ihres christlichen Glaubens gegründet worden sein - an einem Ort, der wahrscheinlich bereits in römischer und keltischer Zeit ein Kult-Ort war.
Bau der heutigen Kirche und erste urkundliche Erwähnung
Der heutige Kirchenbau reicht in das 13. Jahrhundert zurück. Die ursprüngliche Saalkirche wurde damals durch einen völligen Neubau im sogen. rheinischen Übergangsstil ersetzt. Kennzeichnend für diesen Stil ist die Verbindung zwischen spätromanischen und frühgotischen Formen. In der Fraukirch sind es die frühgotischen Formen im Chor und die spätromanischen Formen im Mittelschiff. Von der ursprünglich dreischiffigen Kirche sind nach Abbruch der Seitenschiffe im 19. Jahrhundert noch Mittelschiff und Chor erhalten.
Urkundlich wurde die Fraukirch erstmalig 1279 als „Vrouwenkirchgin“ erwähnt, und zwar als ein Ort, an dem Urkunden gefertigt und Verträge unterzeichnet wurden. So vermittelt 1319 in Fraukirch der Trierer Erzbischof und Kurfürst Balduin von Luxemburg einen Vertrag zwischen dem Kölner Erzbischof Heinrich II. und der Stadt Köln. Und 1326 bestätigt er einen Ablassbrief, den 1325 in Avignon – dem damaligen Sitz der Päpste – 12 Bischöfe ausgestellt hatten. Als frühe Eigenkirche des Erzbischofs und Kurfürsten von Trier hatte die Fraukirch eine Sonderstellung innerhalb der Pfarrei Thür und der 14 Pellenzdörfer. Als „capella libera“ (freie Kapelle) hatte sie eigene Rechte und einen eigenen „kirchherrn“.
Mittelalterliche Bedeutung der Fraukirch und „Golokreuz“
Fraukirch war auch ein bedeutender rechtlicher Mittelpunkt. Hier tagte mindestens einmal im Jahr das alte Märkerding, das für alle Rechtsfragen im Gerichtsbezirk der 14 Pellenzdörfer zuständig war, und zwar am Montag nach dem ersten Sonntag im August, dem Tag der Fraukircher Kirmes.
Seit dem Mittelalter ist die Fraukirch auch als Wallfahrtskirche mit einem überregionalen Bekanntheitsgrad zu Ehren der Muttergottes nachgewiesen. Hinzu kamen die Gründungen von Bruderschaften und Stiftungen, so gründete 1459 Graf Wilhelm von Virneburg die erste Marienbruderschaft in Fraukirch, zu der er von Papst Pius II. die Genehmigung erhalten hatte.
Ein eindrucksvolles Zeugnis der jahrhundertealten Wallfahrtstradition nach Fraukirch stellt ein Nischenmal dar, dessen Originalteile (Schaft, Sockel, Mühlstein) sich im hinteren Teil der Kirche befinden. Ursprünglich stand das Nischenmal als Prozessionskreuz an der B 256 zwischen Thür und Mendig. Nachdem 1977 der Originalnischenkopf gestohlen wurde, wurden die restlichen Originalteile mit einem rekonstruierten Nischenkopf aus Sicherheitsgründen in der Fraukirch aufgestellt. Am Originalstandort an der B 256 steht seit 1984 eine komplette Kopie. Den Rang eines Kulturdenkmals erhält es durch seine Inschrift. Neben der Jahreszahl 1472 und dem Namen „Clais Beligen“ (wohl der Stifter) ist in der Volkssprache des 15. Jahrhunderts umlaufend um den Säulenschaft das „Salve Regina“ in Stein gehauen. Seit dem 19. Jahrhundert wird es durch Umdeutung als "Golokreuz" bezeichnet, weil seitdem sein Standort mit dem Hinrichtungsplatz des ungetreuen Hofmarschalls Golo aus der Genovevalegende verbunden wird.
Barockaltar der Fraukirch
Der Innenraum der Kirche wird beherrscht von einem Barockaltar aus Weiberner Tuff. Auf dem romanischen Altartisch, der noch aus der Erbauungszeit des Chores stammt, erhebt sich der Altaraufsatz mit der Jahreszahl 1664. Auf die Darstellung der Verkündigung Mariens folgen im Mittelteil Szenen der Genoveva-Legende und im oberen Teil Himmelfahrt und Krönung Mariens. Darüber ist die Figur des hl. Johannes Ap. zu sehen und an den Seiten die hl. Barbara (mit Turm) und die hl. Katharina (mit Rad). Neben dem Altar befindet sich ein gotischer Sakramentsschrein aus dem 14. Jahrhundert. Aus gleicher Zeit stammt die Inschrift lose Grabplatte eines ritterlichen Ehepaares am Westeingang der Kirche.
Wechselhafte Geschichte in der Neuzeit
1764 übergab der Erzbischof von Trier Kirche und Hofgut an die Abtei Maria Laach. Während der napoleonischen Herrschaft wurde das gesamte Anwesen 1804 als säkularisierter Klosterbesitz versteigert und ging in Privatbesitz über.
1906 gelangte die Kirche durch Schenkung in den Besitz der kath. Kirchengemeinde Thür. Da die Kirche sich in einem sehr schadhaften Zustand befand – besonders die Inneneinrichtung – wurden in den Jahren 1909 bis 1914 umfangreiche Maßnahmen zur grundlegenden Wiederherstellung der Kirche durchgeführt. Bereits am 06.08.1911 konnte die Wiedereinsegnung durch den Thürer Pfarrer Anheier erfolgen. Auch in den folgenden Jahrzehnten erfolgten weitere Erneuerungs- und Erhaltungsmaßnahmen, z. B. die komplette Dacherneuerung (1990).
Im Jahre 2003 gründete sich zur Wiederbelebung der Bruderschaft von 1459 die „Fraukircher Bruderschaft – Förderverein e. V.“. Ziel des Fördervereins ist u. a., Maßnahmen zur Sanierung, Erneuerung und Erhaltung der Bausubstanz finanziell zu unterstützen sowie das historische und religiöse Brauchtum der Fraukirch zu erforschen und zu pflegen. Seitdem wurde viele Maßnahmen initiiert und unterstützt, so die Anschaffung einer Glocke (2012) oder die 2024 abgeschlossene Außensanierung. Seit der Pfarreienreform im Bistum Trier (2023) gehört die Fraukirch zur neuen Pfarrei St. Barbara Mendig.